Pro Reli: Wahlfreiheit – wer’s glaubt, wird selig

Am Sonntag findet in Berlin ein Volksentscheid über „Pro Reli“ statt. Die von den Kirchen sowie CDU und FDP unterstützte Initiative möchte den bislang freiwilligen konfessionellen Religionsunterricht zum ordentlichen Lehrfach erheben und dem Ethikunterricht gegenüber gleichstellen. Pro Reli möchte das Pflichtfach Ethik durch ein Wahlpflichtfach Ethik/Religion ersetzen.

Die Initiatoren werben mit dem Slogan „Wahlfreiheit“. In den Ohren von Menschen, die möchten, dass Schüler mehr selbst entscheiden können, lässt das aufhorchen. Doch die propagierte Wahlfreiheit ist bestenfalls die halbe Wahrheit.

In Folge der Einführung des Abiturs nach nur 12 Schuljahren haben Schüler der 7.-10. Klasse heutzutage ohne weiteres 34 Unterrichtsstunden pro Woche zzgl. Hausaufgaben. Bei jenen, die noch zusätzlich den von den Religionsgemeinschaften angebotenen konfessionellen Religionsunterricht besuchen, sind es sogar noch mehr Stunden. Für jene, die Religionsunterricht besuchen, würde sich die zeitliche Belastung reduzieren, weil für sie der Ethikunterricht entfiele. Allerdings gibt es auch Schüler, der gerne sowohl Ethik als als Religion besuchen möchten. Nach der derzeitigen Regelung ist das möglich, nach der von Pro Reli vorgeschlagenen hingegen nicht mehr.

Für Schüler der Klassen 1 bis 6 würde Pro Reli jedoch nicht eine geringe, sondern eine größere Arbeitsbelastung bedeuten. Denn bislang ist Religionsunterricht auch in der Grundschule ein freiwilliges Zusatzfach, das jene Schüler, die (oder deren Eltern) das wünschen, besuchen können, während die übrigen Schüler zu dieser Zeit keinen Unterricht haben. Falls Pro Reli durchkommt, müssten diese Grundschüler dann zwei Stunden pro Woche mehr in der Schule verbringen als derzeit, nämlich im dann neu einzuführenden Ethikunterricht.

Pro Reli entpuppt sich somit als einseitige Entlastung derjenigen Schüler, die heute bereits Religionsunterricht besuchen. Die übrigen Schüler der 7.-10. Klasse werden nicht entlastet, sondern in der Grundschule und der Sekundarstufe II zusätzlich belastet.

Von Seiten des Senats wird als Argument gegen Pro Reli immer darauf verwiesen, wie wichtig der gemeinsame Ethikunterricht von Atheisten, Katholiken, Protestanten, Muslimen und sonstigen sei. Innerhalb der Logik eines staatlichen Zwangsschulwesens ist diese Überlegung durchaus plausibel.

Doch ich will gar nicht darauf bestehen, dass alle Kinder gemeinsam Ethikunterricht besuchen, weil ich für Pluralismus und generell gegen Zwangsbeschulung bin. Ich kann mich ohne weiteres damit anfreunden, dass unterschiedliche Angebote nebeneinander bestehen und die Schüler sich für dieses oder jenes, für dieses und jenes oder auch gegen alle entschieden.

Echte Wahlfreiheit sähe so aus, dass Kinder freiwillig am Ethikunterricht teilnehmen können und ebenso freiwillig zusätzlich einen oder mehrere Religionsunterrichte besuchen können, die sich dann zeitlich möglichst nicht in die Quere kommen sollten.

Unabhängig davon finde ich es jedoch zweifelhaft, Werte durch Unterricht vermitteln zu wollen, zumal wenn Werte wie Freiheit, Demokratie, Toleranz etc. im Schulalltag für Kinder und Jugendliche praktisch nicht erlebbar sind, weil sie als unmündig behandelt werden und permanent vorgeschrieben bekommen, was sie zu tun und wie sie sich zu verhalten haben und sie über die für sie geltenden Regeln nicht wirksam mitentscheiden können. An freien und demokratischen Schulen haben Kinder viel Zeit, mit den Erwachsenen und untereinander über alles mögliche (bzw.: Gott und die Welt) zu reden und freiheitliche und demokratische Werte ganz praktisch im Alltag zu erfahren.

Falls Pro Reli erfolgreich ist, wird Religion in Berlin zu einem regulären Schulfach, inklusive Benotung und Relevanz für die Versetzung in die nächste Klassenstufe. Man muss nicht mal ein genereller Gegner von Schulnoten sein, um es fragwürdig zu finden, dass Schüler in Religion benotet werden. Schließlich ist die Grundannahme von Religionen – nämlich die Existenz eines Gottes (oder mehrere Götter) – keine erwiesene Tatsache, sondern letztlich reine Glaubenssache.

Deshalb: Am morgigen Sonntag mit NEIN stimmen.

P.S: Gut möglich, dass Pro Reli am Zustimmungsquorum scheitert – besser wäre es jedoch, wenn tatsächlich eine Mehrheit gegen Pro Reli stimmt. Und falls Pro Reli die im Quorum vorgeschriebenen rund 612.000 Ja-Stimmen doch erhalten sollte, dann hilft ohnehin nur, dass mehr Leute dagegen als dafür stimmen.

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3 Kommentare »

  1. ini said

    man betrachtet ständig die diskussion aus sicht der schüler. wichtig – aber es gibt auch die sicht der lehrer, hier der religionslehrer, die bisher eher geduldet, aber in keinem fall anerkannt waren. für religionsunterricht gibt es an vielen schulen keinen festen raum, lehrer müssen alle materialien ständig von a nach b tragen. religionslehrer fühlen sich an schulen oft nicht ernst genommen – was spätestens im gehalt auch sehr praktisch spürbar wird. für die religionslehrer wäre ein ordentliches schulfach religion wichtig.

    nur mal als weitere sicht auf die dinge.

  2. Ich habe diesen Beitrag auch auf vorwaerts.de eingestellt
    -> http://www.vorwaerts.de/blogs/pro-reli-wahlfreiheit-wer-ae-s-glaubt-wird-selig

  3. H. Lektor said

    Kann der Argumentation hier eigentlich nur zustimmen, muss aber den Finger auf die einzige Schwache stelle legen: Im religionsunterricht wird nicht „der Glaube“ unterrichtet, sondern dargestellt. Religiöse Unterweisung ist sache der Katechetik und die gehört in die Religionsgemeinschaften (Konfirmandenunterricht etc.) Darüber hinaus nicht nur die Konfession der schüler dargestellt, sondern vor allem (will heißen: den größten Teil der Zeit) auch andere Religionen, und zwar auch in ihre Geschichte. Darüberhinaus (aber ich kannn nur für Mecklenburg-Vorpommern sprechen) waren auch Antisemitismus und Hexenwahn Themen und wurde die Kirche selber dabei nicht geschont.

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