Kedem – die Demokratische Schule in Arad (Israel)

Im Herbst 2007 war ich in Israel und habe dort verschiedene Demokratische Schulen besucht. Schon lange hatte ich vor, Texte über die von mir besuchten Schulen zu veröffentlichen. Hier nun als erstes ein Beitrag über „Kedem“ – die Demokratische Schule in Arad.

Die Demokratische Schule „Kedem“ befindet sich in der Stadt Arad, welche etwa 30.000 Einwohner hat und in der Negev-Wüste zwischen der Großstadt Beersheva (40 km entfernt) und dem Toten Meer (25 km entfernt) liegt.

Die Schule hat 71 Schüler zwischen 3 und 18 Jahren, die die Schule von Sonntag bis Freitag von 8 bis 14 Uhr besuchen. Es gibt 8 Mitarbeiter, 6 davon arbeiten an 5 Tagen pro Woche und zwei an 2 Tagen pro Woche.

Einzugsgebiet der Schule ist Arad und Umkreis, manche Schüler fahren jeden Tag 20 bis 40 Minuten zur Schule. Allerdings kommt niemand aus Beersheva. Manche Familien sind extra wegen der Schule nach Arad gezogen. Das Schulgeld beträgt 650 Shekel im Monat.

Es gibt an der Schule 5 Pflichten, die die Schüler bei der Aufnahme in die Schule anerkennen müssen:

  1. Es besteht Anwesenheitspflicht. Die Schüler müssen von 8 bis 14 Uhr in der Schule sein. Es sei denn, sie haben eine anderslautende Absprache mit ihrem Mentor.
  2. Die Schüler müssen am täglichen Morning Meeting teilnehmen, das um 8.10 Uhr beginnt und 20 bis 40 Minuten dauert. Dieses dient u.a. der Ansage von Informationen.
  3. Ab 13.30 Uhr muss jeder Schüler für 10 Minuten in der Schule saubermachen. Für welchen Bereich er zuständig sein will, kann jeder Schüler selbst entscheiden.
  4. Jeder Schüler muss sich 30 Minuten pro Woche mit seinem Mentor (einem Lehrer) treffen.
  5. Jeder Schüler muss mal im Justizkomitee als Richter mitwirken.

Es gibt in der Schule komplette Altersmischung, allerdings haben die Kindergartenkinder ihren eigenen Bereich und ihr eigenes Morning Meeting.

Im Unterschied zu den meisten anderen Demokratischen Schulen in Israel gibt es in Kedem zum Beginn des Schuljahres keinen fertigen Stundenplan (Angebotsplan), sondern es wird nur angeboten, was von Mitgliedern der Schule nachgefragt bzw. angeboten wird. Es gibt also zunächst einen leeren Plan, der an einer Wand aushängt. Dort kann jeder Schüler und jeder Lehrer eigene Angebote anhängen. Es gibt Formulare, mit denen man nach weiteren Teilnehmern für einen Unterricht suchen kann. In der Regel kommt so schnell eine Vielzahl an Kursen zusammen. Lehrer können auch von sich aus, Kurse anbieten, wenn sie auf Grundlage von individuellen Rückmeldungen von Schülern den Eindruck haben, dass diese an einem bestimmten Thema interessiert sein könnten. Allerdings müssen die Lehrer darauf gefasst sein, dass vielleicht niemand kommt. Unterrichtskurse können nicht nur kurz nach Beginn des Schuljahres, sondern jederzeit ins Leben gerufen werden. Konzeptionell liegt Kedem damit – bezogen auf den Unterricht – zwischen der Demokratischen Schule in Hadera (dort wird das Unterrichtsangebot am Ende des vorigen Schuljahres durch ein Komitee ausgearbeitet) und den Sudbury-Schulen (Unterricht nur auf Initiative der Schüler).

Es gibt drei Arten von Unterricht

  • geschlossenen: Wenn man sich für den Unterricht entscheidet, muss man regelmäßig kommen, kann jedoch jederzeit aussteigen.
  • offenen: Man kann mal kommen, mal nicht. Es ist eher wie eine Werkstatt, die man nach Bedarf nutzen kann und in der der Lehrer für Fragen zur Verfügung steht. (Beispiel: Origami-Kurs)
  • Zug: Man verpflichtet sich jeweils für einige Mal und kann nur an bestimmten Punkten aussteigen; andere können dort neu einsteigen – wie bei einem Zug, bei dem man auch nur an Bahnhöfen ein- und aussteigen kann. (Beispiel: Theater)

Einige Jugendliche machen in der Schule ein freiwilliges soziales Jahr (Shnat sherut) und bringen ihre Ideen als Angebote in die Schule ein. Auch Eltern und andere Verwandte werden ggf. für Unterricht angefragt.

In der Schulversammlung („Parlament“) sind Schüler, Mitarbeiter und Eltern stimmberechtigt. Für die Einbringung eines Antrags ist allerdings dessen Unterstützung durch 10 Leute notwendig. In der wöchentlichen Schulzeitung werden daher neben Ankündigungen und allgemeinen Artikeln auch Anträge veröffentlicht, für die noch Unterstützer gesucht werden.

Eltern sind grundsätzlich in der Schule willkommen und können sich da auch tagsüber aufhalten. Dies könne helfen, Ängste der Eltern abzubauen, wenn sie sehen, was die Kinder so in der Schule tun. Wenn Eltern durch ihre Anwesenheit die Schüler stören, dann wird mit den Eltern geredet, statt sie von vornherein fernzuhalten.

Für Konfliktlösung und die Umgang mit Regelverletzungen gibt es drei verschiedene Möglichkeiten, zwischen denen der Beschwerdeführer wählen kann:

  1. Mediation („Gishur“): Die Beteiligten eines Konflikts treffen sich mit einem Mediator und versuchen, ihren Konflikt zu lösen. Das kann relativ informell laufen.
  2. Discussion table („Shulchan diun“): Ein moderiertes Gespräch, zu dem der Konfliktpartner verpflichtet ist zu erscheinen, also vom Beschwerdeführer geladen werden kann.
  3. Disziplinkomitee („vaadat mishmat“): klassisches Justizkomitee nach Sudbury-Art mit rotierender Besetzung, Ladung von Zeugen etc. Es findet zwei bis dreimal pro Woche statt.

Auch die Eltern können Beschwerden einreichen, wenn die Tat mit der Schule zu tun hat. So hat ein Elternteil mal eine Beschwerde gegen das eigene Kind eingereicht, weil das ständig vergaß, irgendeine Sache zu machen oder mitzunehmen, die wiederum ich jetzt vergessen habe. Auch Vorfälle, die außerhalb der Schule geschehen, können in der Schule verhandelt werden, wenn sie einen Bezug zur Schule haben. Es gab z.B. den Fall, dass ein Schüler einem anderen androhte, ihn zu verprügeln, weil er von ihm wegen einer Regelverletzung angezeigt worden war.

Die Grundsätze der Schule sind in einer Verfassung niedergeschrieben und absichtlich schwer zu ändern, um die Schule vor der Übernahme durch Eltern zu schützen. Eine Änderung der Verfassung erfordert die Zustimmung von 70 % der Mitglieder (nicht nur der Anwesenden), Mindestens 30 % müssen bei der Abstimmung Schüler sei.

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