Verzerrungseffekte der relativen Mehrheitswahl am Beispiel der Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen

Hin und wieder wird vorgeschlagen, in Deutschland – ähnlich wie in Großbritannien – ein relatives Mehrheitswahlrecht einzuführen. Bei dieser Wahlsystem wird nur mit einer Stimme und nur in Einer-Wahlkreisen gewählt; wer im Wahlkreis die meisten Stimmen hat, gewinnt.

Welche den Wählerwillen verzerrenden Effekte dies hätte, lässt sich gut an den kürzlichen Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen beobachten. Denn in den Wahlkreisen wird dort (wie auch in den Wahlkreisen der meisten anderen Bundesländern und auf Bundesebene) nach relativer Mehrheitswahl gewählt.

Thüringen eignet sich besonders gut für den Vergleich, weil die Erststimmenergebnisse nur wenig von von Zweitstimmenergebnissen abweichen; bei bei den Zweitstimmen gilt Verhältniswahl (wenn auch mit 5&-Hürde), was dort auf eine relativ aufrichtiges Wahlverhalten schließen lässt.

In Thüringen werden 44 Sitze durch Direktmandate in den Wahlkreisen vergeben. 28 davon gewann die CDU, 14 die Linke und 2 die SPD; Grüne, FDP, NPD, Freie Wähler und Sonstige gingen leer aus. Mit 31,8 % der Erststimmen gewann die CDU also 63,6 % der Direktmandate. Mit nur etwas weniger, nämlich 27,7 % der Erststimmen, gewann die Linke nur halb so viele Direktemandate (31,8 %), ist damit aber immer noch etwas überrepräsentiert. Die SPD kam mit ihren 19,0 % der Erststimmen auf gerade einmal 4,5 % der Direktmandate und ist damit massiv unterrepräsentiert. FDP (7,6 %), Grüne (5,4 %), NPD (4,5 %) und Freie Wähler (3,6 %) – zusammen 17,3 % der Wähler – erhielten 0 Direktmandate.

Dass die Linke mit fast genauso viele Stimmen wie die CDU viel weniger Direktmandate erhielt, zeigt, dass ohne weiteres der Fall hätte eintreten können, dass die Linke zwar mehr Stimmen, aber weniger Direktmandate als die CDU erzielt.

In Sachsen sieht es nicht besser aus. Dort hat die CDU mit 39,0 % der Erststimmen 58 Direktmandate (96,7 %) gewonnen, die Linke konnte mit 22,3 % zwei Direktmandate (3,3 %) verbuchen. Die übrigen Parteien – mit zusammen 38,7 % (darunter 12,3 % FDP, 11,6 % SPD, 7,7 % Grüne und 5,6 % NPD) – gingen leer aus.

Die relative Mehrheitswahl sorgt zwar „für klare Mehrheitsverhältnisse“ bei den gewonnenen Sitze, jedoch ohne dass dies auch nur einigermaßen den Wählerstimmen entspricht.

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