STV-Wahlen mit zu wenigen Kandidaten

Für die Wahl von Delegierten und repräsentativen Gremien empfehle ich seit einiger Zeit das Wahlverfahren der Übertragbaren Einzelstimmgebung (Single Transferable Vote, STV), da dieses eine Personenwahl und zugleich eine Verhältniswahl darstellt, also Minderheiten eine Vertretung aus eigener Kraft und entsprechend ihres Stimmenanteils ermöglicht.

Dieses Verfahren stößt jedoch an seine Grenzen, wenn es nur so viele Kandidaten gibt, wie Plätze zu besetzen sind. Denn in diesem Fall müssten eigentlich alle Kandidaten gewählt sein. Doch wenn bereits von vornherein feststeht, dass alle Kandidaten gewählt sein werden, würde durch die Wahl gar keine Entscheidung mehr getroffen und die Wahl wäre überflüssig.

Ja-/Nein-Abstimmungen

Eine verbreitete Methode bei Wahlen mit zu wenigen Kandidaten besteht darin, dass man einfach über jeden Kandidaten einzeln mit Ja oder Nein abstimmt; gewonnen haben all jene Kandidaten, die mehr Ja- als Nein-Stimmen erhalten haben (Zustimmungswahl).

Wenn alle Kandidaten von einer Mehrheit der Wähler bestätigt werden, dann ist das OK und kaum jemand wird sich über das Ergebnis beschweren.

Kandidaten ohne mehrheitliche Zustimmung

Doch nicht immer werden alle Kandidaten von einer Mehrheit bestätigt werden. Mitunter wird sogar keiner der Kandidaten mehrheitlich bestätigt werden. Z.B. wenn es 3 Kandidaten A, B und C gibt und von 30 Wählern 10 Wähler für A und gegen die beiden anderen stimmen, 10 für B und gegen die beiden anderen sowie 10 für C und gegen dessen beide Konkurrenten. Jeder Kandidat hat dann 10 Ja-Stimmen und 20 Nein-Stimmen. Es hat also niemand eine Mehrheit. Soll dann niemand gewählt sein?

Obwohl keiner der Kandidaten eine Mehrheit hat, ist es in diesem Fall gerechtfertigt, dass alle drei Kandidaten für gewählt erklärt werden. Zumindest wenn man die Maßstäbe einer Verhältniswahl anlegt. Jeder der drei Kandidaten hat die Unterstützung von einem Drittel der Wähler. Die drei Gruppen von Wählern werden durch drei unterschiedliche Kandidaten vertreten. Jede Gruppe stellt eine relevante Minderheit dar und die Verhältniswahl ermöglicht dieser Minderheit, unabhängig vom Wahlverhalten der übrigen Wähler durch einen eigenen Vertreter repräsentiert zu werden.

Da ein Verhältniswahlverfahren gesucht wird, kann von einem Kandidaten nicht verlangt werden, mehrheitliche Unterstützung vorzuweisen. Schließlich sollen auch Minderheiten die Möglichkeit haben, Vertreter zu entsenden. Bei normalem STV genügt eine Droop-Quote für ein Mandat. Nur weil es zu wenig Kandidaten gibt, sollte diese Hürde nicht auf einmal wieder deutlich höher liegen. Wenn drei Leute gewählt werden sollen, dann muss eine Minderheit von etwas mehr als einem Viertel der Wähler die Möglichkeit haben, einen Vertreter zu entsenden.

Eine herkömmliche STV-Wahl würde allerdings – wie bereits angemerkt – stets dazu führen, dass alle Kandidaten gewählt sind. Das Ergebnis stünde damit schon vor der Wahl fest. Es muss jedoch auch die Möglichkeit geben, dass jemand nicht gewählt wird.

Lösung

Dies kann durch eine kleine Modifikation erreicht werden: Die Wähler erstellen weiterhin eine Rangfolge von Kandidaten. Allerdings gelten alle Kandidaten, die der Wähler in seiner Rangfolge nicht aufführt, als explizit nicht unterstützt (normalerweise würde es als partielle Enthaltung gelten). Damit dies bei der Auszählung wirksam wird, darf zum einen die Quote nicht reduziert werden, wenn die Präferenzfolgen einiger Wähler erschöpft und die Stimmen damit nicht-übertragbar werden; zum anderen darf nur für gewählt erklärt werden, wer die zu Beginn der Auszählung berechnete Quote tatsächlich erreicht. (Zum Vergleich: Üblicherweise werden bei STV-Methoden mit konstanter Quote die letzten Kandidaten mit weniger Stimmen als der Quote gewählt, wenn nicht-übertragbare Stimmen auftreten. Bei Meeks Methode wiederum ist zwar nur gewählt, wer die Quote erreicht, doch wird die Quote nach dem Auftreten nicht-übertragbarer Stimmen entsprechend gesenkt.) Ggf. bleiben am Ende also ein oder mehrere Plätze unbesetzt, weil kein weiterer Kandidat die Quote erreicht.

Fazit

Wenn es bei einer Wahl nur so viele Kandidaten gibt wie Personen zu wählen sind, bietet sich folgendes Vorgehen an:

In einem ersten Wahlgang können die Wähler bei jedem Kandidaten mit Ja oder Nein stimmen. Falls alle Kandidaten mehr Ja- als Nein-Stimmen haben, sind all diese Kandidaten gewählt. Andernfalls findet ein zweiter Wahlgang statt. Bei diesem erstellen die Wähler eine Rangfolge jener Kandidaten, deren Wahl sie zustimmen würden. Kandidaten, die sie nicht gewählt sehen wollen, führen sie in ihrer Rangfolge nicht auf. Die Auszählung erfolgt per Übertragbarer Einzelstimmgebung mit der Modifikation, dass Kandidaten nur gewählt sind, wenn sie die zu Beginn berechnete (und im weiteren Verlauf der Auszählung konstante) Quote tatsächlich erreichen.

Diese Regelung ist auch in der aktuellen Fassung meiner Satzungsregelungsvorschläge (Version 1.2) enthalten.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: